April 11th, 2007 by ethority - Social Media Intelligence Team

Momentan stellen mehrere Leute unabhängig voneinander fest, was vielen über das Nutzungsverhalten von Blogs in Deutschland schon klar ist: Blogs haben mehr oder weniger regelmäßige Leserschaften, die bewusst Blogs lesen, aber von der Mehrheit werden sie vielfach nur zufällig gelesen oder gleich weggeklickt – "ich suche was über Autos, aber die Seiten, die bei Google oben stehen, sehen alle so komisch aus…" Deutsche Medien beziehen sich nicht auf Meldungen aus Blogs, es sei denn, es geht um das Phänomen Web 2.0 selbst (so z.B. die wöchentliche Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin per Video-Podcast). Deutsche Politiker nutzen das Medium zögernd, weil man ihnen dazu rät, doch auch sie beziehen sich nicht auf Informationen, die ihnen aus diesem Medium zugetragen werden. Blogs machen Deutschen noch vor allem Angst: dort tummeln sich Spinner, ungeliebte Meinungen und Markenmissbrauch, denen man mit Abmahnungen begegnen kann.

So stellt mein New Yorker Kollege Severin Wilson in seinem Blogbeitrag fest, dass wir, die "Erfinder des Buchdrucks", noch sehr dem gedruckten Wort verhaftet sind, das wissenschaftlich abgesegnet sein muss. Locker aus der Hüfte gebloggtes, kommt bei den intellektuellen Snobs nicht auf den Tisch. Er führt dies auf unser – ironischerweise – elitebewusstes, dreiteiliges Schulsystem zurück. Was, wenn der Blogger nur einen Hauptschulabschluss hat? Und wie bereits angemerkt, eine unliebsame Meinung wird mit Klage belegt.

Martin Oetting bestätigt Severins Feststellungen in einer Anekdote: "irgendwelches Gelaber" wird gar nicht geklickt. "Glaubwürdige Absender" sind z.B. Universitäten. Die selektiven Prozesse laufen ganz unbewusst ab – massenhaft gebloggte Information wird als eine Art Spam abgetan und nur von Insidern geklickt, die womöglich selbst bloggen.

Wir erwarten also mit einiger Spannung, wie sich diese Diskussion – die hier zusammengeführt wird – weiter entwickelt und natürlich den denkwürdigen Tag, an dem Blogs als gute Quelle anerkannt werden. Das wird der Tag sein, an dem die Einbahnstraße hinein in die Blogosphäre und dort immer wieder im Kreis um eine notwendige zweite Spur erweitert wird, so wie es in den USA und anderen Ländern bereits der Fall ist. Dann werden auch politische Blogs relevant.

All zu lange wird es sicher nicht mehr dauern angesichts des Fortschritts, den etwa Wikipedia macht. Wikipedia dient schon inflationär in Diplomarbeiten als Quelle – ob Recherchefaulheit oder doch Schwarmintelligenz vermag ich nicht zu beurteilen, aber Web 2.0 wird salonfähig. Einige Argumente dazu:

- Peer-Kommunikation: C2C zu fast allen Themen (d.h. etwa Aussagen über Produkte von wirklichen Nutzern)

- Zahlreiche direkte Verlinkungen auf glaubwürdige Quellen (siehe auch die Kommentare zu Martins Beitrag)


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