Februar 21st, 2011 by Alexander Becker

Seit vielen Jahren wartet die Web 2.0-Community schon auf einen Wahlkampf, der auch im Netz mit allen Mitteln der Social-Media-Kunst ausgefochten wird. Blaupause hierfür ist noch immer die Obama-Kamagne. Doch alle deutschen Versuche, das einheimische Internet zu politisieren, scheiterten an der Ignoranz bzw. mangelnden Begeisterung des Mitmach-Webs – bislang. Denn die Diskussion um mögliche Plagiate in der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg sorgt dafür, dass nun ein ernsthafter politischer Netz-Disput mit Social-Media-Mittel ausgefochten wird. Das Besondere: Zum ersten mal ist die Online-Diskussion keine Einbahnstraße eher linker Meinungen mehr, sondern auch konservativen Kräften gelingt es, endlich eine nennenswerte Zahl an Netz-Unterstüztern zu finden, die auch bereit sind, sich sichtbar im Internet zu engagieren.

zu Guttenberg: Social Media Streit um die Deutungshoheit

Am Anfang stand das Crowdsourcing-Projekt des Guttenplag-Wikis. Auf der Suche nach Plagiaten in der Doktorarbeit des Verteidigungsministers fand sich eine beeindruckend große Gruppe von Onlinern zusammen, um gemeinsam nach Copy&Paste-Delikten zu fahnden. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Die Süddeutsche Zeitung trat am Mittwoch den Fall mit sechs fehlenden Fußnoten. Bis Freitag hatte das Herr der freiwilligen Guttenplag-Wiki-Helfer über zweihundert Seiten in der Dissertation gefunden, auf denen potentielle Plagiate vermutet werden. Das Wiki kann man längst als doppelten Erfolg werten. Zum einen lieferte das Projekt beeindruckende Ergebnisse in einer Geschwindigkeit, zu der eine normale Experten-Kommision gar nicht in der Lage wäre, und zum anderen war die Aktion ein großer medialer Renner. Von FAZ und Spiegel bis zur Tagesschau berichtete alle Über das Wiki.

zu Guttenberg: Social Media Streit um die Deutungshoheit

Die Folge waren offenbar massive Trafficzahlen, wie dieser Tweet von Wikipedia-Mastermind Jimmy Wales zeigt.

So weit, so Beeindruckend, aber auch irgendwie normal. Interressant wird die Social-Media-Geschichte jetzt vor allem durch den Umstand, dass diesmal auch die Pro-Guttenberg-Fraktion sich mit viel Raffinesse den Möglichkeiten des Web 2.0s bedient.

zu Guttenberg: Social Media Streit um die Deutungshoheit

Die Vorzeige-Aktion der Sympathisanten des Verteidigungsministers ist die Facebook-Gruppe “Gegen die Jagd auf Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg”. Seit Freitag drückte bereits 102.000 Facebook-Mitglieder den “Gefällt mir”-Button. Hinter der Aktion steht der Medienunternehmer Tobias Huch. Für den Mainzer ist die Facebook-Seite eine “eine Art Demonstration“.

Tatsächlich ist es Huch gelungen zu demonstrieren, dass sich mittlerweile auch eher konservative Gruppen Online mobilisieren lassen. Das heißt: Endlich sind anständige politische Debatten auf Augenhöhe möglich, die auf den meisten Social-Media-Plattformen führen lassen. So gesehen, hat die Plagiatsdebatte um die Doktorarbeit des Ministers auch sein Gutes.


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9 Kommentare
ich21. Februar 2011 um 03:39 Uhr

Wie viele der Fans echt sind, ist eine andere Frage. Bei Stuttgart21 haben sie ja auch kräftig “Fans” gekauft. Quantität statt Qualität.

und ich21. Februar 2011 um 05:23 Uhr

“…sondern auch konservativen Kräften gelingt es endlich…”? Das “endlich” scheint mir nicht objektiv zu sein, und die Facebook-Seite ist aufgrund der erdrückenden Fakten eher peinlich.

Alexander Becker21. Februar 2011 um 07:27 Uhr

@ich
Ich glaube nicht, dass hier Freunde dazu gekauft wurden. Das Wachstum der Freunde sieht extrem organisch und viral aus. Ich erinnere mich noch gut an den Freitag, als die Seite noch kaum Freunde hatte.

@und ich
Das “endlich” ist hart, zugegeben. Allerdings entspricht es insofern der “objektiven” Wahrheit, als dass sich konservative und liberale Stimmen, seit vielen Jahren immer wieder darüber beschweren, dass sie gegen die gefühlte “linke Meinungsführerschaft” auf fast allen Web 2.0-Plattformen kaum ankommen würden.

Feliks_Dzerzhinsky21. Februar 2011 um 13:09 Uhr

“Zum erstenmal ist die Online-Diskussion keine Einbahnstraße eher linker Meinungen mehr,” – Genau, darum fordern wir das Internet auf, endlich mal positiv Stellung zu beziehen:
Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!

sandra21. Februar 2011 um 13:31 Uhr

Also, ich hätte ja nie gedacht, dass ich zu Guttenberg verteidigen werde…Aber was ist bitteschön der Skandal? ich sehe kein Skandal darin! Ich komme aus dem Geisteswissenschaften und Passagen kopieren oder plagiieren in einer Dissersation ist (tut mir Leid, wenn ich die Welt enttäusche) tägliches Brot. Nicht nur Dissertationen, sondern Masterarbeiten, Magisterarbeiten, sogar wissenschaftliche Literatur… Dann..wenn es eine Hexenjagd gibt, dann werde ich mal eine Liste mit allen meinen Professoren anfangen….Die können sich auf was gefasst machen…

macc21. Februar 2011 um 14:36 Uhr

“Tatsächlich ist es Huch gelungen zu demonstrieren, dass sich mittlerweile auch eher konservative Gruppen Online mobilisieren lassen. Das heißt: Endlich sind anständige politische Debatten auf Augenhöhe möglich,[...]”

aja, die tatsache das 100.000 leute auf einen “like” button drücken lässt sie schlussfolgern, dass hier “anständige politische debatten auf augenhöhe” stattfinden? selten so gelacht…
die überwiegende mehrheit der guttenberg-beführworter ergeht sich lediglich in hirnlosen durchhalte- bzw. hassparolen, ohne das sich auch nur im mindesten mit der eigentlichen problematik (die im übrigen weniger eine politische als viel mehr eine wissenschaftliche ist) auseinandergesetzt wird.

Lesenswerte Artikel 22. Februar 201122. Februar 2011 um 07:32 Uhr

[...] zu Guttenberg: Social-Media-Streit um die Deutungshoheit [...]

Hamlet Hamster22. Februar 2011 um 19:08 Uhr

Die zugekauften Fans kann man so bestellen, dass die Zuwächse echt aussehen. uSocial.net macht das alles. Hier die Arbeitsweise:

http://hamlethamster.wordpress.com/2011/02/22/zu-guttenberg-facebook-fans-uber-das-wochenende-hektisch-zusammengekauft/

[...] Nachdem das das Croudsourcing-Projekt des Guttenplag-Wikis sich auf die Suche nach Plagiaten in der Doktorarbeit des Verteidigungsministers machte und eine beeindruckend große Gruppe von Onlinern die Copy&Paste Delikte des Ministers aufdeckten, versammelte sich die Pro-Guttenberg-Fraktion auf einer Facebook Seite, die aktuell 294.470 Fans zählt. Fazit: Politische Debatten lassen sich nun auch auf Augenhöhe auf den Social-Media-Plattformen führen. Siehe Weblog. [...]

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