November 9th, 2012 by Julia Stein

Ein NICHT LUSTIGES Crowdfunding – Interview mit Joscha Sauer

Joscha Sauer

Am Sonntag (4.11.2012) begann ein besonderer Spendenaufruf seine Runde im Social Web zu machen. Joscha Sauer, der Cartoonist des Projektes „NICHTLUSTIG“ bat seine Fans via Facebook, Twitter und Youtube um finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung einer Trickfilmserie: Familie Lemming, die Yetis, Herr Riebmann und weitere beliebte Figuren des Zeichners sollen nun endlich zum bewegten Leben erweckt werden. 150 000 Euro hat der Frankfurter bereits selbst in das Projekt investiert und mit seinem Team die ersten 10 Minuten der ersten Folge produziert, die man schon kostenlos anschauen kann. Für die verbleibenden 10 Minuten sowie potentielle weitere Folgen aktiviert er nun seine Fans: In einer persönlichen Videobotschaft mit Teaser-Szenen aus dem Trickfilm und Behind-the-Scenes-Einblicken erklärt Sauer das Projekt und die anfallenden Kosten – 100 000 Euro müssen noch zusammenkommen. Spenden können Fans auf www.nichtlustig.tv, einer aufwendig illustrierten Seite, die man sich gerne zweimal anschaut. Wir haben den Zeichner zu seinem Crowdfunding befragt.

Ein NICHT LUSTIGES Crowdfunding – Interview mit Joscha Sauer

Das Crowdfunding-Projekt auf nichtlustig.tv

1. Du bist schon sehr aktiv in Social Media – deine zahlreichen Fans folgen dir auf Facebook und Twitter. Wie wichtig sind die sozialen Netzwerke für deine Arbeit?

Ich habe in der Zeit, in der ich an NICHTLUSTIG arbeite, immer probiert, möglichst direkten Kontakt mit den Lesern meiner Cartoons zu haben. Anfänglich funktionierte das recht klassisch per Mail und Newsletter.
Die Social Networks haben das vereinfacht. Die Kommunikation ist schneller und direkter geworden. Letzten Endes bleibt es im Kern aber immer das gleiche: Man präsentiert etwas vor Publikum, nur die Bühnen verändern sich eben. Vielleicht taucht irgendwann eine neue Möglichkeit auf, meine Sachen vielen Leuten zu präsentieren. Insofern sind die sozialen Netzwerke natürlich wichtig, aber sie haben nur übernommen, was auch vorher schon da war.

2. Du stellst deiner Community regelmäßig deine Comics zur Verfügung. Hast oder hattest du nie die Befürchtung, dass sich dadurch deine Bücher schlechter verkaufen? Die Nutzer können deinen  Content  schließlich umsonst im Internet bekommen.

Das war tatsächlich vor 12 Jahren der große Streitpunkt, als ich meine Cartoons Verlagen angeboten habe. Viele wollten nichts veröffentlichen, was es im Netz kostenlos gibt. Dass es Carlsen dann schliesslich doch gewagt hat und damit überwältigenden Erfolg hatte, zeigt ja, dass es nicht so war.
Allerdings war das mobilste Gerät, auf dem man damals online sein konnte ein Laptop. Mit iPhone, iPad und pipapo haben Bücher tatsächlich einen zunehmend schweren Stand. Insofern bin ich ganz froh, dass ich vor zehn Jahren mit Büchern angefangen habe.

3. Du bittest deine Community gerade zum ersten Mal großformatig um Spenden. Siehst du das Crowdfunding als eine Art Gegenleistung deiner Fans?

Tatsächlich habe ich vor ca. 11 Jahren schon mal um Spenden gebeten. Damals allerdings in anderen Größenordnungen, weil es darum ging, die Serverkosten für NICHTLUSTIG bezahlen zu können. Ich glaube damals kamen 2000 Mark zusammen, was wahnsinnig viel Geld war. (Schaukelstuhl-Geräusch und Pfeifenpaffen dazu denken) Ich sehe das Crowdfunding nicht als Gegenleistung. Ich erwarte von niemandem, dass er etwas gibt. Die Arbeit, die ich in den vergangenen 12 Jahren gemacht habe, habe ich reichlich entlohnt bekommen, dadurch dass viele Leute meine Bücher und andere Produkte gekauft haben.
Ich sehe das Crowdfunding als Angebot von meiner Seite: Ich würde gerne was Größeres (und Teureres) machen, aber die Sache lohnt sich nur, wenn das auch genügend Leute wollen. Und weil anders als bei der Buchproduktion ein großes finanzielles Risiko an Filmproduktion klebt, läuft das Geschäft diesmal zeitlich halt etwas anders. Leute zahlen erst etwas, dann produzieren wir und sie kriegen am Ende ihren Gegenwert in Form der fertigen Trickfilmfolge.
Dass das funktioniert, hat natürlich damit zu tun, dass mir Leute nach 12 Jahren NICHTLUSTIG ein bisschen vertrauen. Und dieses Vertrauen ist vielleicht am ehesten die Gegenleistung für meine bisherige Arbeit.

4. Deine Seite erinnert an Kickstarter – hast du dich vor Projektbeginn viel mit anderen Crowdfunding-Projekten auseinandergesetzt oder hast du deines “aus dem Ärmel geschüttelt”?

Nein, aus dem Ärmel schüttelt man sowas nicht. Ich habe natürlich auch andere Crowdfunding-Aktionen auf Kickstarter und Indiegogo etc. verfolgt und die für mich sinnvollen Elemente übernommen. Man muss ja nicht das Rad neu erfinden, sondern nur ein bisschen anpassen.

5. Die Fans kriegen für ihre Spenden auch etwas geboten – je mehr sie hergeben, desto größer die Belohnung. Sind einige Fans tatsächlich bereit, 1000 Euro für die Einladung zur Premiere und eine Originalzeichnung zu zahlen? Zeigen sich hier die Grenzen des Crowdfundings?

Die Aktion läuft ja erst vier Tage. Insofern ist es noch etwas früh, um ein allgemeines Urteil über die Grenzen des Crowdfundings zu fällen. Bisher hat nur EINE Person 1000 Euro gegeben: Mein Freund und Kollege Ralph Ruthe.
Aber es gibt schon ein paar Leute, die 500 Euro gegeben haben. Prinzipiell ist es aber natürlich so, dass die kleineren Beträge häufiger sind. Und das ist ja auch gut so. Schliesslich geht es ja auch darum zu zeigen, dass VIELE Leute Lust auf diese Trickfilmserie haben. Daher ist mir lieber 1000 Leute geben je 1 Euro als 1 Person, die 1000 Euro gibt.

6. Wie ist das Verhältnis von Reichweite und Spenden? Spenden die Leute auch fleißig, oder verbreiten nur viele den Aufruf?

Auch hier noch schwer zu sagen. Grade in den ersten Stunden war die Beteiligung extrem, weil die eingefleischten Fans natürlich sofort unterstützt haben. Nun ein paar Tage später normalisiert sich die Frequenz neuer Unterstützer allmählich. In welchem Verhältnis Reichweite und Unterstützer stehen, werden wir aber erst ganz am Ende sehen. Daumen drücken und mitmachen!
___
Wir drücken auf jeden Fall die Daumen und warten gespannt auf den Rest der ersten Folge!


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3 Kommentare
Svenja Lell11. November 2012 um 20:05 Uhr

Wenn’s nicht lustig ist so sagt an frisch:
Wozu bingt man’s eigentlich auf den Tisch?
Hat es wirklich Witz und Charme
oder ist eher etwas für den Darm ?
…mir etwas suspekt dieses Gemisch!

Alaaf aus Köln!

5x lesenswert | medienrauschen12. November 2012 um 17:37 Uhr

[...] bewegte Bilder machen und hofft auf die Unterstützung seiner Fans. Ein Interview dazu mit Sauer. Ein NICHT LUSTIGES Crowdfunding – Interview mit Joscha Sauer, [...]

Von wegen, NICHT LUSTIG ..! | thomas gigold12. November 2012 um 18:23 Uhr

[...] lesenswert: Interview mit Joscha zur Aktion auf [...]

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