September 13th, 2009 by Alexander Becker
Stefan Niggemeier erklärt, was sich Samstagnacht in der ProSiebensendung „Schlag den Raab“ abspielte: „Selten hat das Publikum einem Kandidaten seinen Gewinn so sehr missgönnt wie diesem. Hans-Martin Schulze, ein 24-jähriger Pharmazie-Praktikant aus Oldenburg, ist seit dieser Nacht um eine halbe Million Euro reicher. Er musste dafür nicht nur den Raab, sondern auch das Publikum schlagen. Am Ende, als er mit verzerrtem Gesicht und einem Triumphschrei den Geldkoffer in die Höhe streckte, buhten sie ihn hemmungslos aus.“

Philipp Ostrop beschreibt jedoch, was sich zeitgleich im Web abspielte: „Am Samstagabend konnten deutsche Internetnutzer jedoch beobachten, wie dieser Schwarm über ein einzelnes Opfer herfiel. Man konnte live dabei sein, wie sich die Zuschauer der Pro7-Sendung „Schlag den Raab“ an einem grenzenlosen Massen-Mobbing im Internet beteiligten. Alle gegen den Kandidaten Hans-Martin, der in der Sendung in mehreren Spielen gegen Raab antrat und der Mehrzahl der Zuschauer (auch mir persönlich) höchst unsympathisch war.“ Weiter schreibt er: „Was jedoch in den sozialen Netzwerken abging, glich fast einem virtuellen Pogrom – einer Massenausschreitung, die nicht gegen eine Minderheit, sondern gegen eine einzelne Person gerichtet war. In der Anonymität der Masse schaukelten sich die öffentlichen Demütigungen und Beschimpfungen hoch. Der Schwarm ersann mit den Mitteln des Web 2.0 immer neue Mobbing-Methoden.“
Unter dem Hashtag #Hassmartin wurde der Kandidat via Twitter auf das übelste beleidigt. Das nennen von Beispielen spare ich mir. Die kann jeder selbst nachlesen.
Aber auch andere Sociale Netzwerke musste für die Wut über den Kandidaten herhalten. Sowohl bei StudiVZ, wie auch bei Facebook entstanden eigenen Hassmartin-Gruppen.
Angesichts der Hass-Gruppen fragt Daniel Langwasser völlig zurecht: „Wo war bzw. wo ist eigentlich das Community Management? Ich vermute im mehr oder weniger wohlverdienten Wochenende… Wie kann es sein, dass bis zum jetzigen Zeitpunk die beiden genannten Gruppen immer noch existieren? Garniert mit beleidigenden Kommentaren der übelsten Sorte und natürlich auch mit wenig schmeichelhaften Fotos des Kandidaten Hans-Martin.“
Richard Gutjahr betrachtet die Diskussion aus einem anderen Winkel: „Raab teilt mehr Eigenschaften mit dem Kandidaten, als gestern rüberkam. Eigenschaften, ohne die er nicht die TV-Karriere hingelegt hätte, die er gemacht hat: Raabs ungebremster Ehrgeiz und seine fehlende Scheu, sich öffentlich auch immer wieder zum Affen zu machen. Raab hatte, wie schon Stefan Niggemeier bei faz.net schreibt einen entscheidenden Vorteil: er weiß, wann er sich zu bremsen hat. Er kennt die Gesetze des Fernsehens und versteht, wie das Publikum tickt. Der Moderator hat an den richtigen Stellen die Klappe gehalten, den Kandidaten damit ins offene Messer laufen lassen. Was wiederum viel über den Erfinder der Show aussagt.“



